„Wir setzen nicht auf Nachhaltigkeit, weil es hip ist. Wir sind der Überzeugung: Das ist der richtige Weg“

Zeitlos elegante Möbel – nachhaltig gefertigt. Dafür steht das Familienunternehmen von Stephan Sander und seiner Tochter Nina. Im Interview sprechen die beiden über die Stärken Vietnams als Produktionsstandort, ihren Anspruch, der nachhaltigste Möbelhersteller Deutschlands zu werden – und wie es ihnen gelingt, Privates und Geschäftliches zu trennen.

NINA UND STEPHAN SANDER IM GESPRÄCH MIT BRITTA WORMUTH

Stephan, ihr produziert Möbel in Vietnam und nicht wie viele andere Unternehmen in China. Wie kam es dazu?
STEPHAN SANDER (S): Das ist historisch bedingt. Unser Produktionsschwerpunkt war von Beginn an in Vietnam. Mein Partner und Co-Geschäftsführer Thomas Berg lebt und arbeitet seit fast 20 Jahren in Vietnam. Wir produzieren also nicht nur dort, sondern haben ein eigenes Büro mit knapp 20 Mitarbeitenden. Und gerade in der Pandemie, die nur kurz nach unserer Neugründung anfing, hat es sich besonders ausgezahlt, dass wir einen
Teil unseres Managements vor Ort haben. So konnten wir sicherstellen, dass die Produktion weiterlief, auch wenn es zwischenzeitlich durch die Lockdowns auch bei uns Fabrikschließungen gab.

Welche Herausforderungen bringt eine auf zwei Kontinente verteilte Wertschöpfungskette mit sich?
S: Wir haben sehr stabile Kundenbeziehungen und pflegen enge, familienähnliche Beziehungen zu den Fabriken, in denen wir fertigen. Das funktioniert, weil wir ständig vor Ort sind, weil wir Muttersprachler vor Ort haben, weil die Frau meines Partners Vietnamesin ist und intensiven Kontakt zu den Fabriken hält. Insofern hat es für uns in erster Linie Vorteile, auf zwei Kontinenten vor Ort zu sein.

NINA SANDER (N): Ein Vorteil ist auch, dass Stephan und Thomas das Unternehmen von Anfang an sehr digitalisiert aufgebaut haben. Wir arbeiten cloudbasiert und können dadurch alle auf sämtliche Daten zugreifen – in Vietnam und hier in Deutschland. Bei der Zusammenarbeit merkt man keinen Unterschied, bis auf die Zeitverschiebung. Eine Zusammenarbeit zwischen Frankfurt und Bremen würde ähnlich ablaufen.

Spürt ihr, dass der „Run“ auf Vietnam als Produktionsstätte zunimmt, weil immer mehr Unternehmen eine Alternative zu China suchen?
S: Ja, es gibt aktuell von sehr vielen Seiten Bestrebungen, die Produktion von China nach Vietnam zu verlagern, weil vieles dort noch günstiger und Vietnam sehr offen ist, was den Zuzug neuer Unternehmen angeht. Durch unsere engen Beziehungen zu den Fabriken bricht uns aber kein Geschäft weg, weil andere Firmen vielleicht ein paar Euro mehr bezahlen. Das ist zum Glück ein sehr partnerschaftliches Vorgehen und wir sind sehr glücklich dort.

Dennoch ist die Produktion in Vietnam häufig noch mit Vorurteilen behaftet. Viele Menschen assoziieren das Land mit Ausbeutung der Belegschaft und billigen Materialien. Wie erlebt ihr das?
N: Dass Vietnam zu den ärmsten Ländern der Welt gehört hat, ist 40 Jahre her. Das Land entwickelt sich in einem wahnsinnigen Tempo weiter, bspw. was Infrastruktur und Netzausbau angeht. Ich war im vergangenen Jahr für vier Wochen vor Ort und konnte mir ein Bild machen. Selbst in der hintersten Ecke
einer Fabrik gibt es noch 5G-Netz, während ich in Deutschland oft nicht durchgehend telefonieren kann, wenn ich mit der Bahn von Bremen nach Hamburg fahre. Auch die Mentalität der Menschen hat mich begeistert: Alle sind wahnsinnig freundlich und liebenswürdig. Das macht die Zusammenarbeit sehr angenehm.

S: Dazu kommen die Arbeitskultur und die Motivation der Menschen: Ich erlebe eine extrem hohe Leistungsbereitschaft. Alle wollen sich einbringen, sind ehrgeizig, wissbegierig. Es macht einen Riesenspaß, mit ihnen zu arbeiten.

Ihr legt bei euren Produkten großen Wert auf Nachhaltigkeit. Was ist eure Motivation?
S: Wir machen das nicht, weil es gerade hip ist. Wir sind der Überzeugung: Das ist der richtige Weg. Das war auch ein ganz entscheidender Grund für die Gründung von mypureliving, unserem Onlineshop, mit dem wir seit zwei Jahren auch direkt an Endkunden verkaufen.

N: Mir ist es ganz wichtig, unserem kompletten Team klarzumachen, wie schlecht es unserem Planeten geht. Ich will nicht, dass die Kollegen nur mitmachen, weil Nachhaltigkeit in unseren Unternehmenswerten steht. Sie sollen die Dringlichkeit verstehen, etwas zu tun, und selbst eine Leidenschaft dafür entwickeln, die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Im Büro ist mein Vater immer ‚Stephan‘ und zu Hause ‚Papa‘. Nina Sander

Und wie macht ihr die Welt besser?
N: Wir orientieren uns z.B. an den BSCI-Richtlinien, um die Einhaltung von sozialen Standards, etwa eine gerechte Entlohnung der Mitarbeitenden, sicherzustellen. Wir sind auch FSC-zertifiziert, errechnen unseren jährlichen CO2-Abdruck, kompensieren die Emissionen und setzen uns Reduktionsziele. Wir sind aber auch nachhaltig bei Dingen, die der Kunde nicht sieht: Wir trinken im Büro z.B. nur Wasser von Viva con Agua und fair gehandelten Kaffee. Anfang des Jahres haben wir mit einem zwölfköpfigen Team 1.500 Bäume gepflanzt und an einer Schulung teilgenommen, um mehr über den Zustand unserer Wälder zu lernen.

Euer Ziel ist es, der nachhaltigste Möbelhersteller Deutschlands zu werden. Wie weit seid ihr auf diesem Weg?
S: Wir sind auf einem guten Weg, aber wir befinden uns auf einer Reise, bei der man wahrscheinlich nie ankommen wird. Es wird immer Dinge geben, die wir optimieren können. Es bleibt noch viel zu tun, z.B. bei Verpackungsmaterialien. Da können wir noch nicht komplett auf Plastik verzichten und probieren ständig neue Optionen aus. Gleichzeitig versuchen wir, Retouren so weit es geht zu vermeiden. Wir geben den Kunden lieber einen Rabatt, wenn etwas nicht zu 100 Prozent passt. Zusätzlich sind wir gerade dabei, die ersten komplett veganen Möbel zu entwickeln. Wir wollen zeigen, dass Design und Vegan zusammen funktionieren.

Mit Nina habt ihr eine Vertreterin der jungen Generation an Bord, die Nachhaltigkeit vorantreibt. Wie kam es dazu, dass du ins Unternehmen eingestiegen bist?
N: Ich hatte eigentlich nie geplant, Karriere im Familienunternehmen zu machen. Ich habe Hotelfachfrau gelernt und in Spanien Sport-, Event- und Medienmanagement studiert. In der Pandemie bin ich kurzzeitig wieder zu Hause eingezogen, habe meinen Bachelor beendet und einen Werkstudentenjob bei T&S angenommen. Das war als Übergangslösung gedacht, um etwas gegen die Corona-Langeweile zu tun. Nach meinem Bachelor-Abschluss lag es aber nahe, im Unternehmen zu bleiben, weil die Zusammenarbeit wirklich gut geklappt und Spaß gemacht hat. So habe ich kurz nach der Gründung als Brandmanagerin bei mypureliving angefangen. Heute verantworte ich dort als Prokuristin und CMO das operative Geschäft.

Familie und Beruf so eng zu verknüpfen, ist nicht immer einfach. Habt ihr Regeln für eure Zusammenarbeit aufgestellt?
N: Ja, uns beiden ist es wichtig, beruflich und privat zu trennen. Im Büro ist mein Vater deshalb immer „Stephan“ und nur zu Hause „Papa“. Da waren wir von Anfang an streng. Auch wenn es tagsüber mal Meinungsverschiedenheiten gibt, komme ich trotzdem abends zum Familienessen und lasse Büro dann Büro sein. Ich habe ein privates und ein Diensthandy. Stephan ruft, je nachdem in welcher Funktion er mich sprechen möchte, auf dem einen oder anderen an. Wenn das Diensthandy klingelt, sollte ich also rangehen. Wenn er privat anruft, kann ich auch mal wegdrücken (lacht).

Loslassen und Verantwortung abgeben ist demnach bei euch kein Thema?
S: Nein, gar nicht. Gerade bei Themen wie E-Commerce, Social Media oder Service ist Nina wesentlich besser als ich. Da wäre ich ja verrückt, wenn ich diese Bereiche nicht in ihre Hände geben würde.
N: Ich habe das Glück, dass Stephan mir sein Vertrauen schenkt und mich wirklich machen lässt. Ich kann jederzeit meine Ideen einbringen und umsetzen – und ich darf Fehler machen. Denn das passiert auch, wenn man jung ist und ein Start-up leitet.

Was kannst du von deinem Vater lernen?
N: Gelassenheit. Im täglichen Geschäft merke ich manchmal, dass mich Dinge manchmal aus der Bahn werfen, während er durch seine jahrelange Berufserfahrung sehr gelassen bleibt.

Und Stephan, was kannst du von Nina lernen?
S: Den bedingungslosen Service-Gedanken und die absolute Kundenfokussierung, die sie aus ihrer Hotelausbildung mitgenommen hat. Sie versucht tagtäglich, den Fünf-Sterne-Standard, den sie aus dem Hotel kennt, umzusetzen. Manchmal sage ich: Das ist nicht leistbar. Aber bisher musste ich mich stets eines Besseren belehren lassen. Sie hat das gemeinsam mit ihrem Team immer im Sinne der Kunden gelöst.

UNTERNEHMEN
T&S Home & Living hat sich auf die Fertigung innovativer Möbel spezialisiert und bildet dabei die komplette Wertschöpfungskette vom Design über die Produktion und Qualitätskontrolle bis hin zum Vertrieb und Versand der Möbel ab.

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